Wiederaufbau nach dem 2. Weltkrieg

Dies ist Teil 3 von 4 aus der Reihe Vereinsgeschichte

 

Der zweite Wiederaufbau: Nach dem Ende des Krieges musste eine Bilanz der Zerstörung aufgemacht werden. Der Turnverein war nicht weniger verschont worden. Von den Schrecken des Krieges als die gesamte Bevölkerung. 13 Gefallene und Vermisste, viele Versehrte sowie Ruinen von Turnsaal und Geräten waren 1945 das traurige Erbe des Krieges für den Turnverein.

Doch die Männer, die den Krieg heil überlebt hatten, sammelten sich um den damaligen Vorsitzenden Peter Dohmen, der im letzten Kriegsjahr den Vorsitz übernommen hatte, mit der Absicht, den Turnverein wieder neu aufzubauen. Richtig los ging es aber erst ein Jahr später, als 1946 Josef Vonderbank den Vorsitz für 4 Jahre übernahm. Der Sportplatz wurde wieder hergerichtet, um für die Fuß- und Handballer eine Spielstätte zu schaffen. Die Turner mussten sich mit einer Wiese als Sportstätte begnügen.

Das Bedürfnis nach Aktivitäten und Unterhaltung ging in dieser Zeit über das rein Sportliche hinaus. Der Turnverein spielte im gesellschaftlichen Leben damals eine große Rolle. So ist es auch zu erklären, dass man mit bescheidenen Mitteln zum 75-jährigen Vereinsjubiläum ein Wiesenfest auf die Beine stellte, das unter großer Beteiligung der Dorfbewohner zu einem Volksfest wurde und erste Finanzmittel für Anschaffungen erbrachte. Auch war es eine Selbstverständlichkeit, wenn Verlautenheidener Turner erfolgreich von Deutschen Turnfesten heimkehrten und unter Anteilnahme der Bewohner vom Trommler- und Pfeiferkorps durch die Straßen des Ortes gespielt wurden.

Als 1950 Wilhelm Palm zum Vorsitzenden gewählt wurde, bekamen die Turner die Gelegenheit, in seiner Scheune eine provisorische Trainingsstätte einzurichten. Gleichzeitig begannen unter seiner Regie erste Bestrebungen zum Bau einer Turnhalle für den Ortsteil Verlautenheide. Nach 4-jahrigen Bemühungen durch Wilhelm Palm und Franz Hahn als Oberturnwart konnte 1953 der Beschluss des Gemeinderates, die Voraussetzungen für den Bau einer Gemeindeturnhalle zu schaffen, mit viel Freude verkündet werden.

Zu erbringende Eigenleistungen von Vereinsmitgliedern waren mit eine Voraussetzung, die den Bau der Halle ermöglichten, damit diese 1954 rechtzeitig zum 80-jährigen Jubiläum des Vereins mit einer Einweihungsfeier der Bevölkerung übergeben werden konnte. Zum 80igsten wurde erstmalig eine Festschrift erstellt, worin die Entwicklung des Vereins von den Anfängen an aufgeschrieben wurde.

Mit der Halle boten sich dem Turnverein in sportlicher Hinsicht plötzlich ganz vorzügliche Entwicklungsmöglichkeiten, die, so kann man aus heutiger Sicht sagen, vom Turnverein im Rahmen der allgemeinen gesellschaftlichen Entwicklung auch genutzt wurden. Der Turnverein öffnete sich für das weibliche Geschlecht, Kinder wurden verstärkt zum Beitritt angeworben.

Aber es ging nicht nur aufwärts. Die finanzielle Situation blieb angespannt, die Beiträge waren zu niedrig, das Verlagen der einzelnen Sportabteilungen nach Unterstützung
artete leider in Zwistigkeiten aus. Dies war auch der Grund, warum die Trennung von den Fußballern 1955 auf einer Jahreshauptversammlung beschlossen wurde, weil man überzeugt war, dass das für alle Beteiligten das Beste sei.

Dass es anschließend über viele Jahre recht harmonisch im Turnverein zuging, belegt die Tatsache, dass mehrere Mitglieder des neu zu wählenden Vorstandes diesem über viele Jahre angehören sollten. Heinz Stroer trat sein Amt als 2. Vorsitzender an und diente dem Turnverein 23 Jahre lang in dieser Funktion. Sogar 37 Jahre lang war Hermann Stollenwerk als Schriftwart tätig bis zu seinem Tode im Jahre 1992. Franz Hahn hat in dieser Hinsicht alle übertroffen. Er kam von seinem 17. Lebensjahr an bis 1985 auf 58 Jahre Vorstandstätigkeit in den unterschiedlichsten Funktionen und zuletzt als Kassierer.

Nach dem frühen Tod von Wilhelm Palm konnte 1956 der Volksschullehrer Johannes Giesbertz als 1. Vorsitzender gewonnen werden, bis 1963 Willi Herf für 17 Jahre an die Spitze des Vereins gewählt wurde.

Seit dem Bau der Halle wuchs der Turnverein von Jahr zu Jahr. Vor allem Kinder schlossen sich dem Turnverein an. Das war auch eine besondere Herausforderung für die Mitglieder, die es zu bestehen galt. Die Pflege des Jahn´schen Gedankengutes war ein erklärtes Ziel. Dies lag bekanntlich nicht nur in der Körperertüchtigung, sondern auch im geistig-seelischen Bereich, wie Franz Hahn es in der Festschrift zum 90-jährigen Bestehen formulierte. Entsprechend diesem Motto wurde neben der sportlichen auch die kameradschaftliche Komponente gepflegt. So wurden Kameradschaftsabende veranstaltet, ein Stammtisch gegründet, ein Kegelkreis gepflegt und Vereinsfahrten mit dem Bus unternommen, die uns in die weitere Umgebung führten. Für die nähere Umgebung wurde die sogenannte „Götzwanderung“ eingeführt, die alljährlich am Christi-Himmelfahrts-Tag stattfand und uns meist zu einem Zielpunkt wandern ließ, wo dann verweilt und gespielt wurde. Diese Wanderung war sehr beliebt, und wenn nicht gerade Regen angesagt war, zählte man nicht selten über 100 Teilnehmer.

Anlässe zum Feiern waren immer willkommen. Zum 85. Stiftungsfest wurde ein Festabend mit Jubilarehrung begangen. Morgens war Kirchgang mit anschließendem Zug der Vereine zum Denkmal mit Gefallenenehrung. Nachmittags fand wie jedes Jahr ein Schauturnen in der Turnhalle statt. Sitzplätze waren genug vorhanden, denn als die Kirche ihre neuen Bänke bekam, konnte ein Teil der alten 2 m langen Holzbänke mit Eisenrahmen in der Turnhalle im Geräteraum platzsparend gestapelt untergebracht werden. Ein Turnverein ohne Fahne war zum damaligen Zeitpunkt undenkbar. So war man froh, als man 1960 eine neue Fahne im entsprechenden Rahmen vorstellen konnte, denn die alte war im Krieg verloren gegangen.

1964 wurde das 90-jährige Jubiläum unter dem neuen Vorsitzenden Willi Herf erstmals mit Unterstützung der Bevölkerung so richtig mit Festzelt an 3 Tagen gefeiert. Am Ehrenabend hielten Schirmherr, Bürgermeister und der Vorsitzende Festansprachen und gratulierten dem Turnverein . Die Mitglieder wurden geehrt für besondere Verdienste oder langjährige Mitgliedschaft im Turnverein. Zur Auflockerung wurden sportliche Einlagen gezeigt. Die Gauwerberiege turnte am Barren und Boden, was damals als Leckerbissen galt. Zum Ende des Abends wurde getanzt. Sonntagnachmittags ging ein Festzug durch den Ort, an dem alle Ortsvereine und auswärtigen Turnvereine teilnahmen. Am Abend im Zelt wurde ein Programm zum Zuschauen geboten. Der heimliche Höhepunkt war der Dorfabend am Montag, an dem getrunken und getanzt wurde, mit Showeinlagen der örtlichen und insbesondere des gastgebenden Vereins.

Hier war das Zelt bis auf den letzten Platz gefüllt, und das bis spät in die Nacht, obwohl fast alle am Dienstagmorgen zur Arbeit mussten. Ein gelungenes Fest besserte die Finanzen erheblich auf und brachte neues Selbstvertrauen.

Die nächsten 10 Jahre verliefen in ruhigem Fahrwasser. Die Mitgliederzahlen stiegen nur noch leicht. Die Jungen- und Mädchengruppen bekamen weiteren Zulauf, die Turner nahmen an Leistungsstärke zu, die Frauen wuchsen zu einer stattlichen Gruppe heran. Man freute sich über die wachsenden Erfolge der Turner und pflegte die geselligen Veranstaltungen im Turnverein.

Zum 100-Jährigen Geburtstag präsentierte sich der Turnverein mit Willi Herf an der Spitze in einem gesunden Zustand. Der damalige Oberbürgermeister der Stadt eröffnete als Schirmherr die 3-tägigen Feierlichkeiten mit einer Festrede im Festzelt. Sonntags ging ein Festzug durch dem Ort, der auf den neuen Sportplatz endete.

Auf der Rasenfläche begann dann ein großes Schauturnen, bei dem der Turnverein mit 70 Aktiven ein abwechs-lungsreiches Programm bot, das von attraktiven Vorführungen von Vereinen aus der Nach-barschaft unterstützt wurde. Dem Turnverein war es gelungen, sich von der besten Seite zu zeigen und sich in der ganzen Stärke zu präsentieren, die Mitglieder des Vereins hatten allen Grund, stolz darauf zu sein.

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